Europa – Deine Berge

Ein riesiger Gebirgszug durchzieht ganz Europa, vom atlantischen Westen bis zum Schwarzen Meer. Die westeuropäischen Alpen bilden davon den größten und bekanntesten Teil, und den am weitestgehend erschlossenen.

Ganz anders sieht es in dem Teil dieses Gebirges aus, der sich östlich davon von Nordwesten nach Südosten zieht, von Slowenien bis nach Albanien. Dieser überaus karstig geprägte Teil, das Balkangebirge bzw. die Dinarischen Alpen, sind sehr kleiräumig gegliedert. Sie bilden im Detail ein eher unübersichtlich strukturiertes Gebiet mit Gipfeln bis fast an die Dreitausendmeter-Marke, schroffen, canyon-artigen Tälern und sanften Hochebenen mit viel Waldbestand und klaren Seen und Flüssen. Die aus der Zergliedertheit resultierende Unzugänglichkeit ist ein Grund für die bis heute erhaltene Einsamkeit dieses Naturraums, wenngleich nur einer von mehreren.

Das Komovi-Gebirge

Wer Montenegro vor allem mit der Adriaküste verbindet, erlebt im Osten des Landes eine Überraschung, entdeckt er doch dort, zwischen Adria und Pannonischer Tiefebene, eine ganz andere Welt. Die Lieblichkeit der mediterranen Küstenlandschaft weicht einem eher abweisenden Gewirr aus schroffen Gipfeln, Hochweiden, Bergseen und tiefen Schluchten mit einem hochalpinen, kühlen und eher trockenen Klima.

Das Komovi-Gebirgsmassiv, oft auch als „Montenegrinische Dolomiten“ bezeichnet, ist ein bedeutender Bergstock der Dinariden und steilt bis zu beinahe 2.500 Meter Höhe auf. In diesem Gebiet entspringen die Flüsse Tara und Lim, die in die von Serbien herkommende Drina münden und schließlich über die Donau ihre Wasser in das Schwarze Meer entlassen. Die Tara ist der längste Fluss Montenegros, und wohl auch der beeindruckendste, bildet sie doch eine Schlucht, die in Länge (78 km) und mit einer Tiefe bis zu 1.300 Metern als größte und wildeste Schlucht ganz Europas, und als zweitgrößte des gesamten Planeten, gilt.

pastedGraphic_2.png
Mächtige Schutthalden prägen das Bild an den Abhängen

Die Geologie

Auch die Geologie und mit ihr das Erscheinungsbild der Landschaft ist äußerst faszinierend. Aufgebaut vor allem aus Werfener Schiefer mit einer Mächtigkeit von bis zu 400 Metern und überlagert von Dolomit-Gesteinen weist die Geologie auf mehrfache Überflutungen durch das Thetys-Meer in der Kreide-Zeit mit anschließenden Überformungen hin. Die Schieferschichten treten vor allem in den Schluchten als mächtige Bänder zutage. An der Oberfläche dominiert im Trias aufgebauter Dolomit und lässt zahlreiche Block- und Schutthalden entstehen, die vor allem die Gipfelbereiche prägen. Hier finden sich zahlreiche klare Bergseen eiszeitlichen Ursprungs, die ihre Bezeichnung als „Augen der Berge“ anschaulich rechtfertigen, sowie die ausgedehntesten Schutthalden der gesamten Balkan-Halbinsel. Manche eben noch so vorhandene Kleingletscher weisen darauf hin, dass das Gebiet zur Mindel-Eiszeit fast ganzflächig vergletschert war.

Der Naturpark

Er trägt den Namen des Gebirges und bietet eine beeindruckende Artenvielfalt an Flora und Fauna, besonders Bestände von alpinen Greifvögeln, Bären, Luchsen und Wölfen sowie Gämsen. Arten, die in den hochfrequentierten Regionen der West- und Ostalpen weitgehend auf dem Rückzug sind.

pastedGraphic_3.png
Bären, Wölfe und Luchse durchstreifen das Gebiet und halten die Nahrungskette im Gleichgewicht

Auch die Flora kann Glanzlichter aufweisen, darunter Dutzende von Orchideenarten, Edelweiß, Enzian, Silberwurz und andere Alpinflora-Arten, die mit kühlen Temperaturen und kargen, sauren Böden gut zurechtkommen.

Im Rahmen des internationalen EU-Interreg-Projekts „Mystical Danube“ rückt der Naturpark Komovi in den Fokus nachhaltiger Natur- und Kulturerlebnisse. Die Verwaltung bemüht sich um die Etablierung eines naturnahen, individuell verankerten Tourismus, der die Wertschöpfung größtenteils bei der lokalen Bevölkerung ansiedelt und von persönlichen Beziehungen auf Augenhöhe und kulturellem Traditionsdialog gekennzeichnet ist.

Die neue Themenroute „Between Two Lakes – The Path of Mountains and Legends“, nur rund zwei Autostunden von der montenegrinischen Haupstadt Podgorica entfernt, führt durch eine der ursprünglichsten Gebirgslandschaften Südosteuropas und in eine fast vergessene Welt voller Mythen.

pastedGraphic_4.png
Das Gebirge ist eine der einsamsten Gegenden Europas

Die Katun-Kultur

Wie es bei vergleichsweise isolierten Bergregionen in Europa und auch sonst weltweit oft vorkommt, spielen die kulturellen Traditionen eine große Rolle im Leben der Bevölkerung. Das betrifft das materielle Kulturerbe wie Siedlungsstruktur, Architektur und Kunsthandwerk genauso wie das immaterielle. Regionale Bräuche und enge Verwobenheit mit der unmittelbaren Umwelt, oft in einem heterogenen Mix von tiefgläubiger Religiosität und einem magisch angehauchten Naturverständnis bestimmen den Alltag.Eine auf den kleinbäuerlichen Strukturen beruhenden Wirtschaftsweise mit ihrer stets naturnahen, lokal wie saisonal geprägten Küche, ist allgegenwärtig und trägt zum Reiz dieser Einheit von Natur und Kultur in besonderem Maße bei.

Der Begriff der „Katun-Kultur“ bezeichnet die regionale, oft halbnomadische bzw. saisonale, auf Almwirtschaft bzw. extensiver Weidehaltung beruhenden Erwerbsweise mit den verstreuten Kleinbauernhöfen bzw. Katen oder Almen, die seit Jahrhunderten harmonisch in das Landschaftsbild eingebettet sind. Die einfachen, aus einer Kombination von Naturstein und Holz errichteten Streusiedlungen sind charakteristisch für die Dinarischen Alpen, haben aber durchaus ihre Pendants in vergleichbar strukturierten Gebieten etwa in Südtirol oder den Pyrenäen.

Die ursprüngliche Bevölkerung entspringt dem Kuči-Stamm, einem Verband von zwei Substämmen mit insgesamt ca. 15 000 Angehörigen, die sich im Lauf der Zeit in überregionaler Hinsicht überwiegend den Albanern, Serben oder Bosniaken zugehörig  fühlten, und doch ein ausgeprägtes Herkunftsbewusstsein bewahrt haben. In Fragen des Glaubens schwankten sie in der Vergangenheit zwischen orthodoxem Glaubensbekenntnis, Katholizismus und Islam, wobei oft synkretistische Formen auftauchten, meistens mit einem Hauch Naturreligion vermischt. Politisch erlebten die Bergbewohner beinahe durchgehend stürmische Zeiten, von den Osmanenkriegen und türkischer Herrschaft bis zum serbischen Hegemonialismus und den Wirren des Jugoslawien-Krieges, es sollen sogar mehrmals Genozid-artige Ereignisse vorgekommen sein.

pastedGraphic_5.png
verstreute Kleinbauernhöfe und zeitweise bewirtschaftete Almen sind charakteristisch

Mystik

Berg, See und mystische Geschichten. In den Bergen hausen von jeher verwunschene Geister. Ob in den Dolomiten der Zwergenkönig Laurin, am Hochkönig im Salzburger Land die Geister geiziger Almsennerinnen, ob im Walchensee der riesenhafte Waller, der das bayerische Oberland bedroht, das Felsengesicht im Triglav Nationalpark, wilde Frauen allerorten, der Rübezahl im Riesengebirge oder der schlafende Kaiser Barbarossa, der sogar mehrere Ruhestätten hat. Oder eben im Bukumirsko-See, der gleich eine Mehrzahl an Drachen, seltsamen Wasserwesen und verschwundenen Bauerngemeinschaften aufweisen kann und dem Berggeist „Kom“, der in den steinigen Höhen wohnt und sagenhafte Schätze bewacht.

pastedGraphic_6.png
Vereinzelte Bergwege durchziehen das Gelände

Themenroute Mystical Danube

In ihrem Rahmen entstand, wie erwähnt, die neue Themenroute „Between Two Lakes – The Path of Mountains and Legends“, nur rund zwei Autostunden von der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica entfernt, führt sie durch eine der ursprünglichsten Gebirgslandschaften Südosteuropas und in eine fast vergessene Welt voller Mythen. Die knapp elf Kilometer messende, durch mehr oder weniger unwegsames Gelände führende, Trekking-Tour verbindet den Bukumirsko-See (auch Bukumir-See) mit seinem Pendant, dem in vielen Farben schillernden Rikavačko-See. Unterwegs treffen Wanderer auf Spuren der Jahrhunderte alten Hirtenkultur, glaziale Seen und Erzählungen über Drachen, Bergfeen und verschwundene Stämme. Die beeindruckende Umgebung und das Wissen um die überlieferten Geschichten, vor allem bezogen auf den Bukumirsko-See, erzeugen fast unausweichlich eine magische Stimmung, die sich, verbunden mit gewissen Wetterereignissen bzw. Lichtverhältnissen und der alles umrahmenden Einsamkeit beinahe als leichtes, angenehmes Gruseln äußern kann. Oder, weniger enthusiastisch, einfach als das großartige Gefühl, mit einer so vergessenen wie erhabenen Bergwelt aufs Innigste verbunden zu sein.

Die Themenroute entstand im Rahmen des Projekts „Green and Mystical Danube Storytelling Route“. Das EU-geförderte Interreg-Projekt vereint Partner aus mehreren Donauländern mit dem Ziel, Natur- und Kulturerbe durch modernes Storytelling erlebbar zu machen und ländliche Regionen nachhaltig zu stärken.

Für Montenegro entwickelt die Agency for Protected Areas Management of Podgorica gemeinsam mit regionalen Partnern neue Erlebnisangebote im Naturpark Komovi. Die Route zwischen Bukumirsko- und Rikavačko-See bildet dabei einen zentralen Baustein des Projekts.

Sie verbindet eindrucksvolle Landschaften, lokale Legenden, traditionelle Lebensweisen und sanften Outdoor-Tourismus zu einem entschleunigten Reiseerlebnis. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Wanderung selbst, sondern die bewusste Verknüpfung von Naturerlebnis, kultureller Identität und immateriellem Erbe.

Die Themenroute entstand im Rahmen des Projekts „Green and Mystical Danube Storytelling Route“. Das EU-geförderte Interreg-Projekt vereint Partner aus mehreren Donauländern, um Natur- und Kulturerbe durch modernes Storytelling erlebbar zu machen und ländliche Räume nachhaltig zu stärken. Für Montenegro entwickelt die Agency for Protected Areas Management of Podgorica gemeinsam mit regionalen Partnern neue Erlebnisangebote im Naturpark Komovi. Die Route zwischen Bukumirsko- und Rikavačko-See bildet einen zentralen Bestandteil des Projekts: Sie verbindet Landschaft, lokale Legenden, traditionelle Lebensweisen und sanften Outdoor-Tourismus zu einem entschleunigten Reiseerlebnis. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die Wanderroute selbst, sondern die bewusste Verbindung von Naturerlebnis, kultureller Identität und immateriellem Erbe.

https://mnevillage.gov.me/de/attraction/komovi-nature-park/

Text: Werner Köstle/Agencija za upravljanje zaštićenim područjima Podgorice (auzp)
Bilder: Agencija za upravljanje zaštićenim područjima Podgorice (auzp)
Bild der Bären: Slovenianbears