Was ist ein Bergsteigerdorf?
Ein Bergsteigerdorf ist das ziemlich genaue Gegenmodell zu alpinen Kommunen, die im Zuge des Massentourismus von Beton-Bettenburgen und schrillen Event-Locations geprägt sind.
In einem Bergsteigerdorf finden sich keine monolithisch in die Landschaft gesetzten Luxushotels und Einkaufsmeilen, keine breit ausufernd ausgebauten Skipisten mit entsprechender Lift-Infrastruktur, keine asphaltierten Riesenparkplätze direkt an der Talstation der Bergbahnen, keine Nobeldiscos und Luxusboutiquen. „Wer“ Bergsteigerdorf sein will, hat ein entsprechend strenges Regelwerk zu erfüllen, das von den regionalen Alpenvereinen wie DAV, ÖAV, CAI, sowie dem Schweizer Alpen Club (SAC) und dem Slowenischen Bergsteigerverein entsprechend der eigenen Satzungen entworfen wurde.
Bergsteigerdörfer verfügen über eine intakte dörfliche Struktur, eine Bergsteiger- und Bergbauern- Tradition, lokal orientierte Kreislaufwirtschaft, gelebte handwerklich geprägte Wirtschaft und eine regional und saisonal ausgerichtete, in kleineren und familiär bewirtschafteten Gastbetrieben angebotene, Kulinarik. Und ein Verkehrsnetz, das vor allem von öffentlichem Personennahverkehr getragen wird – kurz gesagt, es geht hier gemütlicher und entspannter zu, für den Gast eine Synthese aus Naturerlebnis, körperlicher Betätigung, ursprünglicher Kulinarik und Kultur.
Woher kommt das Konzept?
Das Konzept der Bergsteigerdörfer hat seinen Ursprung im Bemühen um den Schutz des Alpenraumes und erstreckt sich auf alle acht alpinen Anrainerstaaten. Der Zusammenschluss des „Staatenbündnisses“ fand seine juristische Form in der Alpenkonvention und seine konkrete Umsetzung unter anderem in der Etablierung einer Form von Alpintourismus, der nachhaltig geprägt ist und Verantwortung für den Naturraum übernimmt. Wobei der Begriff „Naturraum“ viele Komponenten enthält: die belebte und unbelebte Natur, die dort ansässige Bevölkerung mitsamt ihrer organisch gewachsenen Kultur, ihrer Identität, ihren Werten, ihrem Zusammenleben mit der Umwelt, ihrem Handwerk und ihrer Kulinarik.
Die Alpenkonvention wurde 1991 als erstes staatenübergreifendes Naturschutzprojekt Europas verankert und legt die Ziele, die Reichweite, die Umsetzung und Kontrolle von Projekten samt deren wissenschaftlicher Begleitung fest. Dabei geht es um den gesamten Kanon des alpinen Natur- und Kulturschutzes. Die Gestaltung einer verantwortlichen Infrastruktur des Verkehrs, die Energienutzung und die Lenkung von Besucherströmen ist dabei ebenso adressiert wie die Erhaltung einer Bergbauerndörflichen Kultur und Wertorientierung, die Einführung einer lokal dominierten Kreislaufwirtschaft, Klimakontrolle und Biodiversitätsprojekten.
Die Gründung eines transnationalen Verbundes von Bergsteigerdörfern ist nur eine, aber eine zentrale, Umsetzungsmaßnahme der Konvention. Gegründet vom Österreichischen Alpenverein, gehören u.a. auch vier deutsche Kommunen zu diesem Zusammenschluss, Kreuth, Sachrang, Schleching und Ramsau b. Berchtesgaden. Das Gros der Bergsteigerdörfer befindet sich mit einundzwanzig teilnehmenden Gemeinden in Österreich, gefolgt von Italien mit sieben und der Schweiz mit fünf Gemeinden.

Bergsteigerdörfer in Slowenien
Derzeit haben vier slowenische Bergdörfer den Status eines Bergsteigerdorfes inne. Die slowenischen Vertreter sind, obschon alle in demselben Geiste, doch in der jeweiligen Ausprägung recht individuell und unterschiedlich. Als da wären: Jezersko, Luče, Dovje-Mojstrana und Baška grapa. Zwei von diesen Reisezielen befinden sich im Gebiet der Kamnik-Savinja-Alpen, mit anderem Namen Steiner Alpen und weitere zwei in den Julischen Alpen, nördlich bzw. südlich des Triglav-Massivs. Dort, wo Österreich, Italien und Slowenien ein Dreiländereck bilden und die Karnischen Alpen enden, „übernehmen“ die Julischen das Kommando, das sie weiter östlich dann an das Kamnik-Gebirge abgeben, das wie diese zu den Südalpen bzw. den Südlichen Kalkalpen zählt.
Jezersko, das grüne Tal zwischen Karawanken und dem Kamnik-Gebirge
Jezersko ist ein grünes Tal, das im Osten von dem Bergzug der Kamnik - Savinja Alpen begrenzt ist. Vom Norden bis zum Westen ist es von einem mehr als drei Millionen Jahren alten Korallenriff und im Norden von der Staatsgrenze Österreich-Slowenien umgeben. Im Süden führt das Tal weiter in das längste Dorf Sloweniens – Kokra, in dem der älteste Kalkstein Sloweniens gefunden wird, und weiter in die grüne Perle Europas – Zentralslowenien. Jezersko ist ein Pionier, das erste ins Leben gerufene der slowenischen Bergsteigerdörfer. Es ist einer der zentralen Orte der Steiner Alpen, die zahlreiche Gipfel mit über 2.000 Metern Höhe aufbieten und mit dem Grintovec mit knapp 2.600 Metern Höhe auch einen wahren Bergriesen aufweisen können. Ansonsten bietet dieses Gebiet ein Kleid aus Grün - drei Viertel sind von Wald bedeckt. Mit dem herzförmigen angelegten See Planšarsko Jezero, von dessen Vorgänger, einem im vierzehnten Jahrhundert trocken gefallenen Gletschersee, sich der Name des Ortes ableitet, bietet sich eines der vielen beschaulichen, aber nicht minder beeindruckenden Ziele zum Verweilen an.

Luče: ein „Nest“ mitten in den Bergen
Luče ist ein seit dem zwölften Jahrhundert bevölkertes Siedlungsgebiet in den Steiner Alpen am Zusammenfluss von Savinja und Lučnica, am Fuße von Raduha, Rogatec und der Karst-Hochebene Dleskovška planota. Anno 1426 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, ist Luče schon des Öfteren zum schönsten Dorf Sloweniens gekürt worden. Als Mitglied des Bergdörfer-Netzwerks setzt das Dorf auf Authentizität, Ruhe und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt. Hier erlebt man am intensivsten unterwegs zu Fuß, im Kontakt mit der Natur der Bergwelt und mit einem Gefühl für den Ort und seine Bräuche. Eine Besonderheit von Luče ist, dass zahlreiche markierte Bergwege bereits im Dorf beginnen, weshalb das Dorf ein idealer Ausgangspunkt fürs Bergwandern ist. Für die Liebhaber von Karsthöhlen ist hier ebenso gesorgt wie für die Fans von spektakulären Wasserfällen. Ansonsten herrscht eine üppige südalpine Flora und Fauna vor, kleine Einödhöfe wirken wie in die Landschaft gestreut.
Dovje-Mojstrana: ein Paradies zwischen Triglav und Karawanken
An der Staatsgrenze zwischen dem österreichischen Bundesland Kärnten und Slowenien erheben sich als Fortsetzung der Karnischen Alpen die Karawanken hauptsächlich in West-Ost Richtung zwischen dem Fluss Drau und dem Tal der Save. Südlich der Karawanken ragen die Julischen Alpen auf. Der weithin bekannte Wintersport-Ort Kranjska Gora bildet den nördlichen „Eingang“ zum Triglav Nationalpark, dem einzigen Sloweniens.
Das Duo Dovje-Mojstrana mit den umliegenden Ortschaften liegt als Ortsteil von Kranjska Gora an der Schwelle des Triglav-Nationalparks. Auf der nördlichen Seite von den relativ leicht zugänglichen Gipfeln der Karawanken umgeben, erstreckt sich im Süden das mächtige Triglav-Massiv in den Julischen Alpen. Die Alpentäler wie Kot, Krma und Vrata sind beliebte Ausgangspunkte für den Aufstieg zum Gipfel des höchsten slowenischen Berges mit seinen 2.864 Metern über Normalnull. Die Verbundenheit mit den Bergen zeigt sich in den Orten durch eine reiche Bergsteiger-Tradition, die sich u.a. im Bergmuseum ‘‘Slovenski planinski muzej‘‘ präsentiert.

Baška grapa: Ein botanisches Juwel der slowenischen Alpen
Baška grapa ist eine der wildesten und zugleich beeindruckendsten Gegenden der Julischen Alpen direkt am südlichen Eingang zum Triglav-Nationalpark. In diesem alpinen Tal am Fluss Bača liegen auf steilen Hängen und sonnigen Terrassen zahlreiche malerische Dörfer und Weiler. Die Baška grapa ist für ihre außergewöhnliche Pflanzenvielfalt bekannt, weshalb die Hänge über dem Tal ein Magnet für Liebhaber der alpinen Flora sind; aufgrund ihrer botanischen Vielfalt wird die Črna prst auch als „Botanischer Garten Europas“ bezeichnet. Durch das Tal führt eine der schönsten Alpen-Bahnstrecken, die Bohinjer Eisenbahn, mit einem der längsten Eisenbahntunnel der Alpen und einem wunderschönen Viadukt - ein unschätzbares Kulturerbe aus der Zeit der Habsburger Monarchie, die hier eine Schienen-Verbindung vom Kernland zur Adria anlegte. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Baška grapa heute zu 100% energieautark ist.

Man muss schon einen genaueren Blick auf die Karte werfen, um die hier dargestellten Bergsteigerdörfer zu finden, aber ebendies passt ja hervorragend ins Konzept. Ist man in natura fündig geworden, wird man sich an den Erinnerungen lebenslang erfreuen. Die slowenischen Bergsteigerdörfer sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein nachhaltig gesundes und schonendes Tourismuskonzept aussehen kann – zum Vorteil der Natur, der Touristen und der lokalen Bevölkerung.
https://www.bergsteigerdoerfer.org/
https://www.slovenia.info/de/geschichten/bergsteigerdorfer-in-slowenien
https://www.bergsteigerdoerfer.org/61-0-Bergsteigerdorf-Jezersko.html
https://www.bergsteigerdoerfer.org/3755-0-Bergsteigerdorf-Luce.html
https://www.bergsteigerdoerfer.org/9100-0-Bergsteigerdorf-Dovje-Mojstrana.html
https://www.bergsteigerdoerfer.org/12656-0-Bergsteigerdorf-Baska-grapa.html
Text: Werner Köstle/ Slowenisches Fremdenverkehrsamt
Bilder (in chronologischer Reihe): Slowenien-Tourismus/Archiv TIC Jezersko; Deutscher Alpenverein; Slowenien-Tourismus/foto-visit Kamnik;
Slowenien-Tourismus/Janez Kotar; Slowenien-Tourismus/Iztok Medja; Slowenien-Tourismus/Bogomir Kosir; Slowenien-Tourismus/Gašper Begus
