Dort, wo sich im Nordosten Bayerns die Landschaft aus den Ebenen erhebt und sich in ein Mosaik aus Fels, Wald, Mooren und Wasser verwandelt, liegt ein Stück Erde mit ganz besonderem Charakter. Die bewaldete Bergkette des Fichtelgebirges mit ihren bekannten, tausend Meter hohen, Erhebungen Schneeberg und Ochsenkopf, umschließt als offener Wall hufeisenförmig eine Hochfläche, die auch unter dem Namen Sechsämterland bekannt ist.
Urtümliche Felsengebilde zieren die Gipfel des Mittelgebirges, in dem neben Naturfreunden auch geologisch Interessierte auf ihre Kosten kommen. Diese finden Schiefergesteine, Gneis, Basalt, Speckstein ebenso wie Marmor und sogar Kristalle. Hauptsächlich ist es jedoch der Granit, der das Landschaftsbild prägt. Im Inneren des Hufeisens erstreckt sich eine Kulturlandschaft mit ausgedehnten kräuterreichen Wiesen, Bachläufen und beschaulichen Dörfern. Und mit Main, Saale, Eger und Naab entspringen im Fichtelgebirge sogar vier Flüsse - ganz so, als wollten sie die Welt in alle Himmelsrichtungen mit klarstem Quellwasser versorgen.

Zwei Klimazonen bewirken Vielfalt
Entsprechend den beiden unterschiedlichen Naturräumen der Region gestalten sich auch die jeweiligen klimatischen Bedingungen. Der westliche, gebirgige Teil ist mit seinen hohen Niederschlägen und kühlen Temperaturen atlantisch geprägt. Als Folge dieses rauen Klimas finden sind zahlreiche Moore und natürliche Bergwälder in den Hochlagen.
Als Sperrriegel gegen die Hauptwindrichtung schirmt die Gebirgskette das Innere Fichtelgebirge gegen Niederschläge aus dem Westen ab. Die Öffnung nach Osten bewirkt zugleich Einflüsse aus dem kontinental geprägten Klimabereich. Dadurch konnten sich auf einem relativ kleinen Gebiet vielfältige Lebensräume nebeneinander entwickeln. Die unterschiedlichen Habitate weisen entsprechend eine große Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten auf. Die Biodiversität wird zusätzlich durch die Tatsache erhöht, dass das Fichtelgebirge einen Gebirgsknoten zwischen dem Frankenwald, der Fränkischen Schweiz, dem Oberpfälzer und Bayerischen Wald sowie dem Erzgebirge darstellt. Somit ist es nicht allein Rückzugsort vieler seltener Arten, die in anderen Naturräumen längst ausgestorben sind, sondern es bietet ihnen zugleich auf dem Land und im Wasser einen Ausbreitungskorridor zu Lebensräumen im gesamten zentraleuropäischen Gebiet.

Der Naturpark - Drehscheibe der Artenvielfalt
Der Naturpark Fichtelgebirge im Herzen der Region umfasst mehr als 1000 Quadratkilometer Fläche und gehört zu den ältesten Schutzgebieten in Bayern. Zahlreiche Wanderwege führen durch alte Wälder, über bemooste Felsen, entlang klarer Bäche und stiller Moore.
Die großen zusammenhängenden Wälder bieten scheuen Bewohnern mit weiträumigen bzw. speziellen Lebensraumansprüchen wie etwa dem Luchs, Schwarzstorch, Sperlings- und Raufußkauz oder der Europäische Wildkatze ausreichend Platz und Ruhe vor dem Menschen.
In und an den zahlreichen Gewässern kommen Fischotter, Biber, Wasseramsel, Bachneunauge und Eisvogel vor. In Teichen finden sich seltene Amphibienarten wie etwa der Moorfrosch, Laubfrosch und Kreuzkröte. Ein besonderer Schatz sind die Flussperlmuscheln, die in einzelnen besonders sauberen Fließgewässern noch überleben konnten. Zu den besonderen Schätzen der Flora zählen u.a. die Glänzende Seerose und das Froschkraut.

Auch die Kulturlandschaft bietet vielfältige Lebensräume. Auf extensiv genutzten Feuchtwiesen sind Weißstörche zu sehen, Braunkelchen und Rebhühner brüten in Brachen und Rainen. Die zahlreichen Felsenkeller, die einst zur Aufbewahrung von Feldfrüchten dienten, bieten vielen Fledermausarten frostsichere Winterquartiere. In einigen Ortschaften befinden sich hinter traditionellen Holzverschalungen von alten Gebäuden sogar Kolonien der äußerst seltenen Mopsfledermaus. Auch die Insektenwelt ist aufgrund der vielgestaltigen Landschaftselemente besonders reich: Libellen, Schmetterlinge, Laufkäfer und Spinnenarten, die teilweise in anderen Regionen längst ausgestorben sind, lassen sind hier noch finden.
Spezielle Artenschutzprojekte
Um den Erhalt und die Verbesserung der Lebensräume gefährdeter Arten kümmern sich neben engagierten Mitarbeitern amtlicher Naturschutzstellen auch zahlreiche Fachleute und Mitglieder von Vereinen und Verbänden wie dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) und dem Bund Naturschutz in Bayern, der allein 53 Biotope in der Region pflegt. Etwa durch die Vernetzung von Lebensräumen oder Moor-Renaturierungen werden einzelne Arten sogar gezielt gefördert. Zu diesen gehören z.B. die Flussperlmuschel, der Gartenschläfer, das Froschkraut und der Goldene Scheckenfalter.

Besonders hervorzuheben ist das Biodiversitätsprojekt "Kreuzotter im Fichtelgebirge". Die Region zählt zu den wenigen Rückzugsgebieten der stark gefährdeten Schlange in Bayern. Doch auch hier war der Bestand lange rückläufig, weshalb diverse Hilfsprogramme für diese Art ins Leben gerufen wurden. Zum Katalog der Maßnahmen zur Verbesserung der Habitate gehören Entbuschungen zum Offenhalten von Flächen, auf denen die Tiere Sonnenplätze finden ebenso wie das Anlegen von Asthaufen, die ihnen als Winterquartier und Versteck dienen. An Radwegen werden Hinweisschilder angebracht, die auf die Gefahr für die dort ruhenden Schlangen durch Überfahren verweisen und unter dem Motto „Gefährdet statt gefährlich“ werden Wanderer sensibilisiert, der Kreuzotter mit Respekt zu begegnen.
Mehr noch, naturerkundende Einheimische und Touristen werden sogar aktiv in die Schutzmaßnahmen der gefährdeten Art mit einbezogen. Über ein eigenes Handytool, das im Frühjahr u.a. über die Medien beworben wird, können Wanderer den Standort Ihrer Kreuzotter-Sichtung eingeben und an den Naturpark senden. Die Daten werden dort erfasst und in eine Verbreitungskarte übertragen. Diese bildet dann die Grundlage für gezielte Schutzmaßnahmen.

Spannende Erlebnis- und Informationsangebote
Den Besuchern des Fichtelgebirges eröffnen sich zahlreiche Naturbegegnungen, daneben haben sie aber auch die Gelegenheit, attraktive Informations- und Bildungsangebote wahrzunehmen. Eine großartige Möglichkeit, Flora und Fauna hautnah zu erleben, bietet die Teilnahme an geführten Wanderungen mit Rangern des Naturparks. Von Kreuzotter-Safaris über Moor- und Bienenführungen bis zu Nachtwanderungen mit Fledermausdetektoren oder geologischen Exkursionen - für jeden Naturinteressierten ist etwas dabei. Die Website des Naturparks informiert über die einzelnen Angebote. Daneben lohnt es, sich auch die Veranstaltungsprogramme der Naturschutzverbände einzusehen, die neben interessanten Vorträgen ebenfalls Wanderungen und Exkursionen anbieten.

Wer Wildtiere der Region in sicherer Umgebung bestaunen möchte, ist im Wildpark Mehlmeisel richtig. Die Tiere leben in großzügigen Gehegen und sind durch geschickte Besucherführung dennoch präsent.
Einzigartige Eindrücke von den Gesteinsformationen des Fichtelgebirges erhalten Besucher im berühmten Felsenlabyrinth Luisenburg bei Wunsiedel, welches als größtes seiner Art in Europa gerade erst den Titel als Nationales Naturmonument verliehen bekam.

Im Laufe von Jahrmillionen formten hier Frost und Erosion charakteristische Blockhalden und Felsformationen, die den Eindruck erwecken, als hätte ein Riese sie achtlos aufeinandergetürmt. Eine Wanderung durch diese surreale Landschaft aus Granitblöcken gehört zum touristischen Pflichtprogramm.
In mehreren Infostellen des Naturparks erfahren Besucher Wissenswertes zu Flora, Fauna und Geologie des Fichtelgebirges.

Das Arche-Dorf Kleinwendern
Vielen Menschen ist zwar bewusst, dass das Artensterben bei Wildpflanzen und -tieren weiter fortschreitet, wenige registrieren jedoch, dass auch die biologische Vielfalt in der Landwirtschaft immer mehr abnimmt. So dominieren heute vornehmlich Hochleistungssorten und -rassen den Agrarsektor, an Klima und Standort bestens angepasste Pflanzen und Tiere bleiben zunehmend auf der Strecke. Und damit ihr wichtiges genetisches Potential und ihre Eigenschaft als lebendiges Kulturgut einer Region.
In Deutschland stehen bereits über 100 Rassen auf der „Roten Liste“ der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). Um diese vor dem Aussterben zu bewahren und die Öffentlichkeit über ihre Vorzüge aufzuklären, rief der Verein das „Arche-Projekt“ ins Leben. In vielen „Arche-Höfen“ können sich Besucher ein Bild von der einstigen Vielfalt machen und zum Teil in Hofläden Produkte von diesen erwerben. Getreu dem Motto „Bewahren durch essen“. Manche der tierischen Raritäten werden folglich von Slow Food als „Passagiere der Arche des Geschmacks“ gezielt gefördert.
Eine besondere Attraktion bildet das „Arche-Dorf“ in Kleinwendern bei Bad Alexandersbad. Dort haben sich sieben landwirtschaftliche Betriebe und Hobby-Züchter zusammengetan und halten über 200 Tiere von 11 seltenen Rassen.
Als im Jahr 2012 in Kleinwendern auf Initiative des Naturparks eine Rinderweide für die robuste Mittelgebirgsrasse „Rotes Höhenvieh“ eingerichtet wurde, bedeutete dies eine Initialzündung für ein bayernweit einzigartiges bürgerschaftliches Gemeinschaftsprojekt. Denn bald schon hielten nach und nach weitere seltene Nutztiere Einzug in das idyllische Dorf.


Ein Bummel durch die kleine Ortschaft ist ein echtes Erlebnis, begegnet man doch hier noch auf Weiden grasenden Tieren und genüsslich im Sand badenden Hühnern.
Links:
Natur entdecken: https://www.fichtelgebirge.bayern/natur/entdecken
Naturpark: https://naturpark-fichtelgebirge.org/
Naturpark Infostellen: https://www.fichtelgebirge.bayern/natur/entdecken/naturpark-infostellen und https://naturpark-fichtelgebirge.org/erleben/infostellen/
Wandern: https://www.fichtelgebirge.bayern/natur/wandern
Essen und Trinken: https://www.fichtelgebirge.bayern/kulinarik/gastronomie
Übernachten: https://www.fichtelgebirge.bayern/uebernachten
Text: Peter Grett
Bilder:
Aufmacher: erlebe.bayern-Florian Trykowski
Bild 1, Hohenberg a.d. Eger: Tourismuszentrale Fichtelgebirge/ Florian Trykowski
Bild 2, Burgsteinfelsen: Tourismuszentrale Fichtelgebirge/ Florian Trykowski
Bild 3, Raufußkauz: Ralph Sturm
Bild 4, Moorfrosch: Dr. Siegfried Steinkohl
Bild 5, Luchs: floriantrykowski.de
Bilder 6-8, Schillerfalter, Östliche Moosjungfer, Goldener Scheckenfalter: Jürgen Fischer
Bild 9 Kreuzotter: Harry Wölfel
Bild 10, Steg: floriantrykowski.de
Bild 11, Felsenlabyrinth: erlebe.bayern-Florian Trykowski
Bild 12, Ausstellungsraum: erlebe.bayern-Florian Trykowski
Bild 13, Thüringer Waldziegen: Anett Tobies
Bild 14, Rotes Höhenvieh: Dr. Siegfried Steinkohl
Bild 15, Schautafel: floriantrykowski.com
Logo Kleinwendern: Archedorf
